Wenn endlich Zeit da ist und wir sie nicht leben –Zwischen Nähe und Eigenleben: Paare im Übergang

Klaus (63) und Margarete (61) hatten sich ihre gemeinsame Zukunft anders vorgestellt. Nach seiner Pensionierung und ihrem vorzeitigen beruflichen Ausstieg wollten sie reisen, andere Länder entdecken, wandern, Freunde besuchen, im Winter in den sonnigen Süden fahren. Pläne hatten sie viele.
Und doch kam immer etwas dazwischen.
Zuerst war es die schwere Erkrankung von Margaretes Mutter, dann Klaus’ Studienreisen. Parallel dazu geriet der Sohn in eine Krise und drohte, sein Examen abzubrechen. Kurz darauf benötigte eine enge Freundin Trost, nachdem ihr Mann sie verlassen hatte. Zuletzt bereitete sich Margarete mit großer Intensität auf ein Konzert vor.
Verpasste Pläne und ein irritierendes Gefühl
Heute sitzen sie in meiner Beratung. Nicht, weil ihnen diese Dinge unwichtig gewesen wären – im Gegenteil. Beide empfinden es als selbstverständlich, füreinander und für andere da zu sein. Und doch bleibt ein irritierendes Gefühl: der Eindruck, ihre gemeinsamen Pläne unbewusst zu vermeiden.
Nähe und Eigenleben im Alltag
Im Verlauf der Gespräche entsteht ein überraschendes Bild.
Margarete ist so etwas wie die gute Seele der Familie. Sie organisiert ein großes Haus, vier Kinder, ein Ehrenamt und arbeitet 15 Stunden pro Woche. Sie pflegt Beziehungen zu Eltern, Schwiegereltern und Freundinnen. Und sie hat eine Leidenschaft: die Musik. Beim Musizieren findet sie Muße, Erfüllung und Kraft.
Klaus beschreibt sich als „Fels in der Brandung“. Im Betrieb wie in der Familie wird er gerufen, wenn es schwierig wird. Er schlichtet Streit, verbindet Gegensätze. In Bezug auf soziale Kontakte ist er selbstgenügsam. Er zieht sich gern zurück: liest, besucht Museen, nimmt an Weinproben teil. Familienfeiern meidet er. Wenn er spricht, dann in ausgearbeiteten, fast druckreifen Vorträgen – wenig einladend für Austausch.
Wenn der Dialog verloren geht
Mit der Zeit erkennen beide: Jede und jeder von ihnen brauchte viele Jahre Raum, um eigene Wünsche und Fähigkeiten zu entwickeln. Diese möchten sie jetzt nicht einfach aufgeben. Gleichzeitig ist etwas anderes verloren gegangen: ihre Zwiegespräche. Sie wissen wenig voneinander, sind jeweils mit dem eigenen Alltag beschäftigt. Und sie spüren Ärger — darüber, dass der andere sich scheinbar nicht für Sorgen und Wünsche interessiert.
Den Partner neu wahrnehmen
Nach dieser Erkenntnis entsteht zunächst Erstaunen. Dann Schweigen.
Mit der Frage „Was schätze ich an dir?“ lade ich das Paar ein, sich wieder als gleichwertige Partner wahrzunehmen. Weitere Fragen – Wie haben Sie sich kennengelernt? Wer sprach wen zuerst an? Was hat Sie fasziniert? – helfen, die ergänzenden Qualitäten des anderen neu zu entdecken.
Oft beobachte ich in diesen Gesprächen, wie Paare wieder ein feineres Empfinden füreinander entwickeln. Sie erinnern sich an gemeinsame Anfänge, nehmen sich neu ernst, schmunzeln, werden lebendig — manchmal still, manchmal mit einem Hauch von erotischem Esprit.
Umgang mit unausgesprochenem Ärger
Im nächsten Schritt stelle ich Fragen, die lange unausgesprochen Gebliebenes zur Sprache bringen:
„Sie sind seit 24 Jahren verheiratet. An welche Situationen erinnern Sie sich, in denen Sie sich über den anderen geärgert oder sein Verhalten nicht verstanden haben – und von denen Sie glauben, dass sie heute noch zwischen Ihnen stehen?“
Diese Frage eröffnet einen Raum, in dem unterschiedliche Erfahrungen nebeneinander bestehen dürfen. Paare lernen, die Sicht des anderen zu respektieren, ohne die eigene aufzugeben. Häufig sind sie überrascht, wie anders der Partner manches erlebt hat. Das Bild voneinander beginnt sich zu verändern.
Nicht selten entsteht dabei ein Gefühl aufrichtiger Schuld. Auch wenn niemand absichtlich verletzen wollte, bitten Partner einander um Verzeihung. Manche überlegen, wie eine Wiedergutmachung aussehen könnte — als Zeichen von Verantwortung und Verbundenheit.
Die neue Balance finden
Erst auf diesem geklärten Boden wird es möglich, über gemeinsame Zukunftspläne zu sprechen. Dabei geht es nicht darum, sich selbst aufzugeben, sondern eine Balance zu finden. Margarete fühlt sich in ihren vielfältigen Aktivitäten lebendig. Klaus schöpft Kraft aus seinem Rückzug. Gemeinsam lieben sie Musik, Reisen und Wandern.
So entsteht Schritt für Schritt eine neue Ordnung: ein Zusammenspiel von eigenem und gemeinsamem Leben.
Achsam bleiben und überprüfen
Am Ende der Gespräche rege ich häufig an, nach einem halben Jahr innezuhalten und die getroffenen Vereinbarungen zu überprüfen. Viele Paare empfinden dies als hilfreiche Stütze — um achtsam zu bleiben und neu auftauchende Konflikte rechtzeitig ins Gespräch zu bringen.
Denn eine gemeinsame Zukunft im Alter entsteht nicht von selbst. Sie will bewusst gestaltet werden — im Dialog, mit Respekt und mit Mut zur Nähe.
